«Napoleon III. wird bis heute oft falsch beurteilt»

    Für Dominik Gügel ist das Napoleonmuseum Arenenberg weit mehr als ein klassisches Geschichtsmuseum. Im Interview spricht der Museumsdirektor über die neue Sonderausstellung, moderne Museumsarbeit, den Spagat zwischen Tradition und Digitalisierung sowie darüber, weshalb Napoleon III. eine differenziertere Betrachtung verdient.

    (Bild: Helmuth Scham) Das schönste Schloss am Bodensee: Ein Schlossmuseum voll unschätzbarer internationaler Kunst, ein Park mit atemberaubender Aussicht, eine zauberhafte Anlage.

    Was macht das Napoleonmuseum Arenenberg einzigartig im Vergleich zu anderen historischen Museen?
    Dominik Gügel: Das Napoleonmuseum ist weit mehr als ein klassisches historisches Museum – es ist ein Museum der besonderen Art. Sein Ansatz ist interdisziplinär und epochenübergreifend. Im Zentrum steht zwar der authentische Schauplatz aus der Zeit der Bonapartes mit seinem unverfälschten Charme. Gleichzeitig widmet sich das Museum aber auch der Weinbaugeschichte am Bodensee, der Landwirtschaft sowie den weitläufigen Gärten. So entsteht ein stimmiges Gesamtkunstwerk, das Geschichte, Kultur und Landschaft auf einzigartige Weise miteinander verbindet. Ein märchenhaftes Kleinod, das Besucherinnen und Besucher in dieser Form nur auf dem Arenenberg erleben können.

    Momentan zeigen Sie die Sonderausstellung «Was der Kaiser noch sah» bis am 20. September 2026. Was erwartet die Besucherinnen und Besucher in dieser Ausstellung?
    Am Anfang stand die Frage, wie sich das Bodenseegebiet in den vergangenen rund 160 Jahren verändert hat – und ob sich dieser Wandel dokumentieren lässt. Angestossen durch den fortschrittlich denkenden Napoleon III. prägten Industrialisierung und technischer Fortschritt diese Entwicklung entscheidend. Das modernste Bildmedium jener Zeit war die Fotografie. Deshalb fiel der Entscheid, den Bodensee – die Heimat des Kaisers – anhand historischer Fotografien zu zeigen. Dabei setzt das Museum ganz im Sinne Napoleons III. selbst auf moderne Technik. Besucherinnen und Besucher betrachten die historischen Aufnahmen nicht nur an den Ausstellungswänden, sondern können an interaktiven Bildschirmen selbst auf Entdeckungsreise gehen. Dort finden sie zusätzliche Hintergrundinformationen und weiteres Bildmaterial. Und wo das Wissen des Museums an Grenzen stösst, ist die berühmt-berüchtigte «Schwarmintelligenz» gefragt: Die Gäste sind eingeladen, ihr eigenes Wissen und ihre Hinweise beizusteuern. Ergänzt wird die Ausstellung durch spannende Mitmachangebote für Kinder.

    Wie gelingt es Ihnen, Geschichte für jüngere Generationen spannend zu vermitteln?
    Für uns steht das persönliche Erlebnis im Zentrum der Vermittlungsarbeit. Besonders eindrücklich gelingt dies mit unseren Kostümführungen. Unter der Anleitung einer erfahrenen Kammerzofe schlüpfen Kinder und Jugendliche in die Rolle von Prinzessinnen und Prinzen des 19. Jahrhunderts. Anschliessend flanieren sie durch die historischen Salons und die Parkanlage und erfahren dabei Spannendes über den Alltag um 1830: Was kam damals auf den Tisch? Welche Schönheitsideale herrschten vor? Und wie trägt man eigentlich eine Krinoline, den Reifrock jener Zeit? Entscheidend ist, dass Geschichte für die junge Generation greifbar wird. Sie soll erkennen, dass es sich nicht um eine fiktive Welt wie in einem Computerspiel handelt, sondern um die Lebensrealität ihrer eigenen Vorfahren – vielleicht sogar der Urgrossmutter.

    (Bild: Helmuth Scham) Direktor des Napoleonmuseums Arenenberg Dominik Gügel: «Ich wünsche mir, dass die Geschichte des Hauses und des Arenenbergs auch in Zukunft lebendig bleib.»

    Welche Herausforderungen bringt die Leitung eines historischen Museums im digitalen Zeitalter mit sich?
    Museen befinden sich in einem tiefgreifenden Transformationsprozess. Viele Besucherinnen und Besucher erwarten heute vor allem Erlebnisse und interaktive Angebote. Gleichzeitig gibt es nach wie vor das klassische Museumspublikum, das der Digitalisierung oft kritisch gegenübersteht. Es gilt also, den Spagat zwischen Tradition und Innovation zu schaffen. Auf dem Arenenberg setzen wir deshalb auf ein duales System: Die klassische Dauerausstellung bleibt als authentische «Zeitkapsel» erhalten und wird schrittweise digital erweitert. Wer möchte, kann zusätzliche Inhalte digital entdecken, während andere das Museum weiterhin auf klassische Weise erleben.
    Langfristig sollen auch bisher nicht zugängliche Räume Teil der Ausstellung werden und verstärkt auf digitale, erlebnisorientierte Vermittlung setzen. Ob und wann diese Pläne umgesetzt werden können, hängt jedoch von der Finanzierung ab. Denn digitale Angebote verursachen nicht nur hohe Investitionen, sondern auch einen beträchtlichen Unterhaltsaufwand und müssen laufend modernisiert werden.

    Napoleon III. wird oft im Schatten seines berühmten Onkels gesehen. Wird ihm die Geschichte gerecht?
    Nein, absolut nicht. Das überwiegend negative Bild von Napoleon III. geht zu einem grossen Teil auf Victor Hugo zurück, der nach seiner politischen Enttäuschung die Schmähschrift Napoléon le Petit veröffentlichte. Deren Sichtweise prägt die Wahrnehmung bis heute und wird oft unkritisch übernommen. Betrachtet man das Zweite Kaiserreich im historischen Kontext, zeigt sich ein differenzierteres Bild. Neben problematischen Aspekten gab es bedeutende politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Errungenschaften. Gerade in Frankreich ist inzwischen ein Umdenken spürbar – eine Entwicklung, die sich wohl fortsetzen wird. Möglicherweise hat auch unsere Arbeit auf dem Arenenberg dazu einen kleinen Beitrag geleistet.

    Was können Besucherinnen und Besucher aus der Geschichte des Arenenbergs für die Gegenwart mitnehmen?
    Die Geschichte des Arenenbergs ist seit dem Mittelalter eng mit Europa verflochten – besonders während der Zeit der Familie Bonaparte. Ohne diese internationale Perspektive lassen sich weder die Geschichte des Arenenbergs noch jene der Bodenseeregion wirklich verstehen. Zugleich eröffnet die Biografie Napoleons III. überraschend aktuelle Perspektiven. Viele Entwicklungen seiner Zeit werfen Fragen auf, die auch heute noch relevant sind – ein spannendes Feld, das zum Nachdenken und Diskutieren anregt.

    Haben Sie Pläne für das Napoleonmuseum Arenenberg?
    Wie viele Museen befindet sich auch das Napoleonmuseum in einer Phase des Wandels. Bewährt hat sich die Verbindung von napoleonischer Exilgeschichte und Gartenkultur am authentischen Schauplatz – diesen Weg wollen wir konsequent weitergehen. Ebenso wichtig bleibt die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Partnerinstitutionen im In- und Ausland.In den kommenden Jahren sind umfassende Umbauten geplant, die eine zeitgemässe Präsentation und Vermittlung unserer Themen ermöglichen sollen. Voraussetzung dafür sind jedoch die notwendigen finanziellen Mittel. Sämtliche Projekte stehen deshalb unter einem klaren Finanzierungsvorbehalt.

    Was wünsche Sie sich persönlich für das Napoleonmuseums Arenenberg?
    Ich wünsche mir, dass es uns gemeinsam mit den verantwortlichen Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gelingt, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. So kann das Museum seine Rolle als bedeutender Botschafter des thurgauischen und eidgenössischen Kulturerbes weiterhin wahrnehmen. Auch Privatpersonen leisten dazu einen wichtigen Beitrag. Durch ihre Schenkungen und ihr Engagement als Gönner im Freundeskreis der Stiftung Napoleon III tragen sie wesentlich dazu bei, dass die Geschichte des Hauses und des Arenenbergs auch in Zukunft lebendig bleibt – idealerweise über viele weitere Generationen hinweg.

    Interview: Corinne Remund


    «Was der Kaiser noch sah»

    Die aktuelle Sonderausstellung im Napoleonmuseum Arenenberg folgt den Spuren von Napoleon III. und zeigt den Thurgau, Konstanz und die Bodenseeregion durch die Augen des letzten französischen Kaisers. Im Mittelpunkt stehen historische Fotografien – die modernste Bildtechnik seiner Zeit –, die eindrucksvoll dokumentieren, wie Landschaften, Städte und Dörfer im 19. Jahrhundert aussahen. Die Ausstellung macht sichtbar, wie stark sich die Region seitdem verändert hat und eröffnet zugleich einen faszinierenden Blick auf die Anfänge der Fotografie. Laufzeit: Noch bis 20. September 2026.

    www.arenenberg.ch


    Dominik Gügel ist Historiker und seit 1999 Direktor des Napoleonmuseums auf dem Arenenberg im Kanton Thurgau. Er studierte Geschichte, Kunstgeschichte und Politikwissenschaft und gilt als ausgewiesener Experte für die napoleonische Epoche sowie die Geschichte Napoleons III. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Napoleonmuseum Arenenberg zu einem international beachteten Forschungs- und Ausstellungszentrum. Gügel veröffentlichte zahlreiche Beiträge zur europäischen Geschichte des 19. Jahrhunderts und engagiert sich für eine zeitgemäße Vermittlung historischer Themen an ein breites Publikum. Der Arenenberg, einst Wohnsitz von Hortense de Beauharnais und Jugendort Napoleons III., steht im Mittelpunkt seiner wissenschaftlichen und musealen Arbeit.

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